Raymond Knigge über Unternehmertum, Spezialisierung und die Zukunft der Interiman Group

Was braucht es, um aus einer unternehmerischen Vision eines der führenden Schweizer Unternehmen für HR-Lösungen zu entwickeln? Für Raymond Knigge, Gründer der Interiman Group, zu der Medicalis gehört, lautet die Antwort: eine klare Überzeugung, viel Ausdauer und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Im Podcast «Feu Sacré» von «Le Temps» spricht Raymond Knigge mit der Journalistin Aline Bassin über die Anfänge der Interiman Group, die Bedeutung spezialisierter Marken und den verantwortungsvollen Einsatz künstlicher Intelligenz. Dabei wird deutlich: Im Zentrum seines unternehmerischen Handelns stehen seit jeher die Menschen.

Eine Vision, die ihrer Zeit voraus war

Als Raymond Knigge Ende 1997 sein eigenes Unternehmen gründete, verfolgte er von Anfang an ein ambitioniertes Ziel:  Marktführer in der Schweiz zu werden. Ebenso wichtig war ihm, Dienstleistungen anzubieten, die er Stellensuchenden und Unternehmen mit Personalbedarf jederzeit guten Gewissens empfehlen konnte.

Der Anfang war alles andere als einfach. Ein Kreditantrag wurde abgelehnt, obwohl Raymond Knigge viel Zeit in seinen Businessplan investiert hatte. Statt sich davon entmutigen zu lassen, hielt er an seiner Vision fest. Er eröffnete die erste Agentur Interima mit einem kleinen Team. In dieser Phase übernahm er jede Aufgabe selbst, bis hin zur Reinigung der Büroräume am Abend.

«Unternehmertum klingt schön, aber am Anfang arbeitet man mehr und verdient weniger.»

Für Raymond Knigge gehört genau das zum Unternehmertum: nicht nur Ideen zu entwickeln, sondern für ihre Umsetzung einzustehen und die damit verbundenen Risiken zu tragen.

Spezialisierung als Erfolgsprinzip

Als Raymond Knigge 1998 den Grundstein für die heutige Interiman Group legte, wollte er bewusst kein generalistisches Unternehmen schaffen.

 Seine Überzeugung: In einem Geschäft, in dem Menschen den Unterschied machen, sind Branchenkenntnisse und die Aufmerksamkeit für Details entscheidend. Deshalb setzte er auf spezialisierte Unternehmen mit eigenen Marken, Kompetenzen und Instrumenten.

Dieser Ansatz prägt die Interiman Group bis heute. Marken wie Medicalis, Hotelis und Flexsis sind auf unterschiedliche Märkte und Bedürfnisse ausgerichtet. Sie arbeiten mit Lösungen, Weiterbildungsangeboten und Rekrutierungsansätzen, die zu ihrem jeweiligen Fachgebiet passen.

Die Spezialisierung ermöglicht es den Teams, ihre Kundinnen und Kunden sowie Kandidatinnen und Kandidaten gezielt zu begleiten. Gleichzeitig schafft die Gruppe die Voraussetzungen, um Kompetenzen miteinander zu verbinden und umfassende HR-Lösungen anzubieten.

Verantwortung übernehmen und aus Fehlern lernen

Unternehmerische Freiheit und Verantwortung sind für Raymond Knigge untrennbar miteinander verbunden. Entscheidungen betreffen nicht nur das Unternehmen selbst, sondern auch Mitarbeitende, Geschäftspartner und weitere Beteiligte. Deshalb widerspricht er der Vorstellung, ein Scheitern sei grundsätzlich folgenlos und man könne danach einfach von vorne beginnen.

Innerhalb der Interiman Group sollen Mitarbeitende dennoch Initiative zeigen und wohlüberlegte Entscheidungen treffen können. Fehler dürfen passieren. Entscheidend ist, daraus zu lernen und denselben Fehler nicht zu wiederholen.

Diese Haltung spiegelt auch die PAIKA-Werte der Gruppe wider: Passion, Aktion, Initiative, Kooperation, Ambition

Raymond Knigge vermittelt diese Werte regelmässig persönlich an neue Mitarbeitende. Sie stehen für eine Kultur, die Engagement fördert, Eigenverantwortung ermöglicht und gemeinsame Ziele in den Mittelpunkt stellt.

Wachstum braucht Disziplin und Vertrauen

Was Ende der 1990er-Jahre mit einer einzigen Agentur begann, hat sich zu einer Unternehmensgruppe mit 72 Agenturen in der Schweiz entwickelt. Das Wachstum eines Unternehmens bringt nicht nur Chancen, sondern auch finanzielle Herausforderungen mit sich. In der Personalvermittlung müssen Löhne regelmässig ausbezahlt werden, während Kundenzahlungen oft deutlich später eintreffen. Deshalb spielen Liquidität, eine sorgfältige Planung und verlässliche Finanzierungspartner eine zentrale Rolle.

Raymond Knigge betont zudem, wie wichtig kontinuierliche Investitionen sind. Erträge fliessen weitgehend zurück ins Unternehmen, etwa in die Expansion, digitale Werkzeuge und die Weiterentwicklung der Mitarbeitenden.

Dieser langfristige Blick hat die Entwicklung der Gruppe geprägt. Wachstum ist für Raymond Knigge kein Selbstzweck. Es soll die Leistungsfähigkeit der Unternehmen stärken und ihnen ermöglichen, Kandidatinnen und Kandidaten sowie Kundinnen und Kunden noch umfassender zu unterstützen.

Künstliche Intelligenz soll Menschen stärken

Digitalisierung, Robotik und künstliche Intelligenz verändern die Arbeitswelt. Die Interiman Group investiert deshalb gezielt in neue Technologien. Für Raymond Knigge ist dabei klar: Der Mensch bleibt das Herzstück der Branche. KI soll Mitarbeitende unterstützen und ihre Leistungsfähigkeit erhöhen, nicht sie ersetzen.

Automatisierte Lösungen können administrative Aufgaben reduzieren und damit wertvolle Zeit schaffen. Diese Zeit soll dort eingesetzt werden, wo persönliche Nähe und Fachwissen den grössten Unterschied machen: bei Kundenbesuchen, in Beratungsgesprächen, bei der Analyse konkreter Bedürfnisse und bei der Auswahl passender Dossiers.

Damit verfolgt die Interiman Group einen klaren Ansatz: Technologie übernimmt geeignete Routinen, während die Mitarbeitenden ihre Erfahrung, ihr Urteilsvermögen und ihre Beziehungsarbeit einbringen.

Führung beginnt mit Zuhören

Raymond Knigge beschreibt gesunden Menschenverstand und die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen, als wichtige Grundlagen seiner Arbeit. Ebenso entscheidend ist für ihn die Fähigkeit, andere Perspektiven einzunehmen. Wer sich wirklich verständigen möchte, muss zuhören und versuchen, die Situation des Gegenübers zu verstehen.

Diese Haltung ist besonders in einer Branche wichtig, die täglich Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Zielen und Erwartungen zusammenbringt. Gute Beratung beginnt nicht mit einer Standardlösung, sondern mit dem Verständnis für die konkrete Situation.

Auch seine Erfahrungen aus dem Fussball haben das Führungsverständnis von Raymond Knigge geprägt. Als Spieler und Captain lernte er, Verantwortung innerhalb eines Teams zu übernehmen und sich Anerkennung durch Leistung und Führung zu erarbeiten. Später erkannte er, dass unterschiedliche Rollen auch unterschiedliche Formen von Verantwortung verlangen.

Unterschiedliche Generationen, neue Erwartungen

Den häufig beschriebenen Generationenkonflikt betrachtet Raymond Knigge differenziert. Jüngere Menschen seien nicht grundsätzlich weniger motiviert oder weniger bereit zu arbeiten. Sie möchten jedoch stärker über ihren eigenen Kalender und ihre Arbeitsgestaltung bestimmen. Unternehmen sollten kompetenten Mitarbeitenden dafür geeignete Möglichkeiten bieten.

Damit verbindet er klare Erwartungen mit zeitgemässer Flexibilität. Leistung, Verantwortung und Freude an der Arbeit schliessen sich nicht aus. Vielmehr liegt es auch an den Unternehmen, ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeitende ihre Kompetenzen wirksam einsetzen können.

Vertrauen entsteht zwischen Menschen

Die persönliche Bekanntheit des Gründers stand für Raymond Knigge nie im Mittelpunkt. Entscheidend ist für ihn vielmehr, dass Kundinnen und Kunden sowie Stellensuchende ihre direkten Ansprechpersonen kennen und ihnen vertrauen.

Dieses Vertrauen bildet die Grundlage für den 360°-Ansatz der Interiman Group. Die Unternehmen der Gruppe vermitteln nicht nur Fest- und Temporärpersonal. Sie unterstützen ihre Kundinnen und Kunden mit weiteren HR-Lösungen und zeigen ihnen, welche zusätzlichen Leistungen für ihre konkrete Situation sinnvoll sind.

«Entscheidend ist das Vertrauen in eine konkrete Person.»

Damit bringt Raymond Knigge auf den Punkt, was die Arbeit der Interiman Group auszeichnet: spezialisierte Kompetenzen, verbunden mit persönlicher Nähe und einer langfristigen Partnerschaft.

Die nächste Etappe im Blick

Auch mit 70 Jahren ist die heutige Position der Interiman Group für Raymond Knigge kein Endpunkt. Trotz konkreter Kaufangebote entschied er sich gegen einen Verkauf. Seine Motivation liegt nicht allein im finanziellen Wert des Unternehmens, sondern in der Weiterführung und Weiterentwicklung dessen, was über viele Jahre entstanden ist.

Sein unternehmerisches Denken vergleicht er mit dem Radsport: Wer sich nur ein begrenztes Ziel setzt, schöpft sein Potenzial nicht aus. Neue Etappen schaffen Orientierung, halten die Organisation in Bewegung und motivieren dazu, Bestehendes weiterzuentwickeln.

Stillstand kommt für ihn deshalb nicht infrage. Solange es seine Gesundheit zulässt, will er weiterhin arbeiten, Verantwortung tragen und die Zukunft der Gruppe mitgestalten.

Unternehmertum als Haltung

Die Geschichte von Raymond Knigge zeigt, dass nachhaltiges Unternehmertum mehr verlangt als eine gute Geschäftsidee. Es braucht Branchenkenntnisse, Durchhaltevermögen und Menschen, die eigene Stärken ergänzen. Sein Rat an die nächste Generation ist entsprechend klar: Unternehmerinnen und Unternehmer müssen ihr Geschäft genau kennen und bereit sein, Menschen um sich zu versammeln, die in wichtigen Bereichen mehr wissen oder besser ausgebildet sind als sie selbst.

Die Entwicklung der Interiman Group steht damit für eine Vision, die über Jahre konsequent verfolgt wurde: spezialisierte Marken, starke Teams, intelligente Investitionen und ein gemeinsames Verständnis von Verantwortung.

Und vor allem für die Überzeugung, dass im HR-Geschäft auch in einer zunehmend digitalen Welt die Menschen den Unterschied machen.

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